Matthäus-Evangelium, Kapitel 18
«In jener Zeit trat Petrus zu Jesus und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?
Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.»
Wir Menschen fragen uns manchmal: Was macht den Menschen eigentlich zum Menschen, was macht uns menschlich. Die Antworten sind wahrscheinlich unterschiedlich. Aber eines macht den Menschen sicher menschlich: Es ist die Bereitschaft des Menschen zur Verzeihung, die Bereitschaft zur Vergebung. Nicht siebenmal sollst du vergeben, sondern siebenundsiebzigmal – also unendlich oft, eigentlich immer. Jesus macht die Barmherzigkeit zur heiligen Pflicht – um Gottes und des Menschen willen. Wie schwer ist das durchzuhalten. Aber doch: Weil jeder jedem immer etwas schuldig bleibt und keiner von uns vollkommen oder perfekt ist, sind wir alle auf die Barmherzigkeit und das Erbarmen anderer angewiesen. Wer einmal erfahren hat, aus welch verfahrenen und unmöglichen Situationen Vergebung und Barmherzigkeit befreien können, der kann gar nicht anders, als dieses Geschenk weiterzugeben. Auch wenn es hin und wieder schwer fällt zuzugeben. Wir alle leben von der Vergebung. Wir alle werden erst zu Menschen, wenn wir die Bereitschaft haben sich zu entschuldigen, zu vergeben und zu verzeihen. Wir sind keine noch so frommen Einsiedler oder Eremiten, wir können nicht leben ohne Menschen, die unser Leben mittragen, ohne Herzen und Hände, auf die wir zählen können, auch und gerade in schwierigen Zeiten. Das müssen wir uns gerade als Christen immer wieder in Erinnerung rufen: Es ist nicht selbstverständlich, dass wir Liebe erfahren, dass uns – wo nötig – verziehen wird, dass wir doch so oft getragen und gehalten sind, dass wir einen Glauben haben an einen Gott, dem wir Menschen nicht gleichgültig sind. Es ist nicht selbstverständlich, all dies ist nicht selbstverständlich, und alle, die schon einmal eine schwere Krise in der Partnerschaft oder im Berufsleben erlebt haben, wissen, wovon ich rede, wie schnell das Glück und der Halt zerbrechen können. All dies sind gleichsam Privilegien, die wir hüten und pflegen müssen, weil sie eben nicht selbstverständlich sind. Wir tragen vieles in unserem Leben, alles, was uns wichtig ist, auch den Glauben, in zerbrechlichen Gefässen mit uns und müssen deswegen dafür Sorge tragen. Auch für die Menschen um uns tragen wir Sorge. Und für die vielen, von deren Sorgen wir hier und weltweit wissen. Wir und sie alle leben vom Erbarmen und der Barmherzigkeit unseres Gottes. Wenn uns das gelänge, dies wieder neu den Menschen zu vermitteln, dann brächten wir uns um die Zukunft unserer Kirche keine Sorgen mehr machen.