Impuls zur Freiheit in Corona-Zeiten

DER AUSGANG UND DAS HINAUSGEHEN

Von Pfarradministrator Karl Wolf

Von wegen Freiheit

Wir haben eine neue Erfahrung gemacht: unsere Freiheit war eingeschränkt. „Im vergangenen Jahr musste eine ganze Generation von Studienanfängern praktisch ohne direkten Austausch auskommen. Schüler fielen zurück, junge Menschen konnten keine internationalen Erfahrungen sammeln, fanden keine Jobs, unzählige unternehmerische Ideen konnten nicht verwirklicht werden. Die sozialen Kontakte wurden stark eingeschränkt. Depressionen traten häufiger auf, und manche Ältere mussten gar ohne Beisein ihrer Liebsten sterben. Wie wertvoll Freiheit ist, dürfte manchen erst jetzt wieder richtig bewusst geworden sein“ – und der Nachholbedarf ist entsprechend gross. Viele drängen am Wochenende in den Ausgang. Wir müssen echt mal wieder richtig in den Ausgang gehen. Samstag- Nacht ist am Bellevue zwischen 23.00 Uhr und 1.00 Uhr in Zürich mehr los als in der Rush-hour und Stadteinwärts stehen die getunten Autos voll im Stau. In der Partymeile der Langstrasse drängen sich die Party-Hungrigen ohne Maske und Abstand vor und in den Lokalen. Die Reisebranche meldet einen Boom und Reisefieber – nur weg – aus der Stadt heraus und in die Peripherie, ins Grüne und noch besser auf die Insel.

An die Ränder gehen

Im Christentum haben die Peripherien eine lange und komplexe Geschichte, ja sie sind sogar die Drehscheibe der unterschiedlichsten Geschichten und Erfahrungen. Der Aufbruch der ersten Christen geschah freiwillig und unfreiwillig zugleich. Die Geschichte des Paulus und seiner Reisen sind eine Freiheitsgeschichte – auch wenn er in Rom als Gefangener ankam. Die Geschichte der Christen Jerusalems war ein unfreiwilliger Aufbruch – eine Vertreibungsgeschichte. Als die ersten grossen Verfolgungen losbrachen, waren sie gezwungen in die Gross-Städte des Nahen Ostens und deren Peripherien zu fliehen. Es war die erste grosse Evangelisierung: Die Botschaft der Befreiung – das Evangelium – nahmen sie mit und redeten freimütig über ihre Überzeugungen dort, wo sie ankamen. Neuerdings kommt Papst Franziskus darauf zurück: „Evangelisierung setzt apostolischen Eifer voraus. Sie setzt in der Kirche kühne Redefreiheit voraus, damit sie aus sich selbst herausgeht. Sie ist aufgerufen, aus sich selbst herauszugehen und an die Ränder zu gehen. Nicht nur an die geografischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz: die des Mysteriums der Sünde, die des Schmerzes, die der Ungerechtigkeit, die der Ignoranz, die der fehlenden religiösen Praxis, die des Denkens, die jeglichen Elends.“

„Die Kirche muss aus ihrer Eigenwelt heraustreten, aus einer selbstzentrierten Sicht ihres Lebens und ihres Einsatzes, um sich denen anzuschliessen, die er als die – nicht nur geografischen, sondern auch existenziellen – Randzonen der Gesellschaft bezeichnet. Diese sind die Welt der an den Rand Gedrängten und Verlassenen: der Armen jeglicher Art, die ausserhalb der reichen Welt leben.“

Die Wiederentdeckung der Nähe

 In seiner programmatischen Schrift „Evangelii Gaudium“ kommt Franziskus darauf zu sprechen: „Alle sind wir aufgefordert, diesen Ruf anzunehmen: hinauszugehen aus der eigenen Bequemlichkeit und den Mut zu haben, alle Randgebiete zu erreichen, die das Licht des Evangliums brauchen“ – „Wie gut tut es uns, zu sehen, wie er (Jesus) allen so nahe ist! Wenn Jesus mit jemandem sprach, sah er ihn in tiefer liebevoller Zuneigung an: „Jesus sah ihn an und liebte ihn“ (Mk 10,21). Wir sehen ihn zugänglich, als er sich dem Blinden auf dem Weg nähert (vgl. Mk 10,46-52) und als er mit den Sündern isst und trinkt (vgl. Mk 2,16), ohne sich darum zu kümmern, dass einige ihn als Fresser und Säufer betrachten (vgl. Mt 11,19). Wir sehen ihn verfügbar, als er zulässt, dass eine Dirne seine Füsse salbt (vgl. Lk 7,36-50), oder als er Nikodemus des Nachts empfängt (vgl. Joh 3,1-15). Die Hingabe Jesu am Kreuz ist nichts anderes als der Höhepunkt dieses Stils, der sein ganzes Leben prägte. Von seinem Vorbild fasziniert, möchten wir uns vollständig in die Gesellschaft eingliedern, teilen wir das Leben mit allen, hören ihre Sorgen, arbeiten materiell und spirituell mit ihnen in ihren Bedürfnissen, freuen uns mit denen, die fröhlich sind, weinen mit denen die weinen, und setzen uns Seite an Seite mit den anderen für den Aufbau einer neuen Welt ein. Aber wir tun dies nicht aus Pflicht, nicht wie eine Last, die uns antreibt, sondern in einer persönlichen Entscheidung, die uns mit Freude erfüllt und eine Identität gibt.“

 In guter Gesellschaft an der Peripherie in Rom und in Zürich

In Rom hatte 258 der Diakon Laurentius zwei Aufgaben: das Geld zu verwalten und die Armen zu speisen. „Laut Ambrosius von Mailand war Laurentius Diakon von Papst Sixtus II. und als Verwalter des Kirchenschatzes eben auch für die Caritas und die Sozialarbeit zuständig. Als Sixtus auf Befehl des Kaisers Valerian festgenommen und zur Enthauptung geführt wurde, wollte sein Diakon mit ihm sterben, doch Laurentius wurde nur ausgepeitscht und aufgefordert, den Kirchenschatz innerhalb von drei Tagen herauszugeben. Daraufhin verteilte Laurentius alles an die Armen in der Peripherie der Stadt Rom und führte nach drei Tagen die Armen und Kranken, Witwen und Waisen zum Kaiser: Das sei der wahre Schatz der Kirche. Der Kaiser ließ ihn deswegen wütend zu Tode quälen: Er wurde auf einen brennenden Rost gelegt,“ und für sein Engagement gegrillt. Im Aufbruch an die Peripherie in Zürich im Langstrassenquartier sind wir aus Küsnacht mit eigentlich immer in guter Gesellschaft. Mit der tatkräftigen und finanziellen Unterstützung ganz vieler Familien und einzelner Personen, auch all jener, die Lebensmittelpakete spenden, wirken wir manchmal auch kleine Wunder und Menschen weinen vor Dankbarkeit.

Gott hat keine Angst

 Keine Angst also – es wird uns sogar beleben, wenn wir in den speziellen Ausgang nach Zürich gehen. Indem wir die drei Sachen verbinden: unsere Ressourcen, die Solidarität und die Verantwortung für das Gemeinwesen, werden wir wirksam mitten in der Stadt für die Menschen am Rand. Es kommt etwas richtig Gutes heraus.