Ein Plädoyer gegen die Angst Geschrieben am

Ein Kommentar von Diakon Matthias Westermann

 

Diakon Westermann im Gottesdienst

Die Fratzen der Angst umgeben das Leben der Menschen, dringen ein in die Seele, in die Träume. Niemand ist frei von Angst. Nur wer einen Halt kennt, einen Ort und Menschen, um darüber zu reden, wer an einen „Gott mit uns“ glaubt, kann leben, auch im Schatten der Angst.

Die Unvorhersehbarkeiten können einem das Fürchten lehren

Niemand von uns ist frei von Angst. Sie gehört zu uns wie Glaube, Hoffnung und Liebe. Alle Erklärungsversuche der Angst sind Stückwerk. Sie ist und bleibt ein Teil unseres Lebens. Schon das Alltagsleben mit all seinen Unvorhersehbarkeiten kann einem das Fürchten lehren. Das haben uns die vergangenen beiden Jahre der Corona-Pandemie gezeigt. Und kaum scheint diese überwunden, bricht neues Unheil herein. Fassungslos schauen wir auf einen Krieg in Europa, schauen auf Vertreibung und Flucht und auf das Gespenst eines drohenden nuklearen Krieges, welches schon lange überwunden schien. Das Leben kann gnadenlos sein und springt mit manchen unbarmherzig hart um. Jeden, der nicht aus Stein geschaffen ist, kann die Angst ganz schön umtreiben und um den Schlaf bringen.

Angst – ein gefährliches Spiel

Wer früher über tatsächliche oder erdachte Zukunftsängste in einer Wohlstandsgesellschaft wie der unseren nur lächeln konnte, ist nun ganz still geworden. Die Angst, wie es mit uns weitergeht, ist konkret geworden. Der Grund ist eine immer brutaler und gnadenloser werdende Welt. Die Menschheit scheint von einer Krise in die andere zu treiben, ohne auch nur eine davon wirklich überwinden zu können. Wir sind laufend mit Eindrücken konfrontiert, die uns glauben machen können, die Probleme seien unlösbar, Katastrophen und Gefahren nähmen unaufhörlich zu. Bei diesem unguten Spiel mit der Angst kann uns helfen, wenn wir uns daran erinnern, wie oft eine neue, unerwartete Entwicklung in der Vergangenheit eine scheinbar ausweglos erscheinende Situation sich urplötzlich veränderte. Unheil, aber auch Heil gab es auf dieser Erde in jeder Geschichtsepoche, und die Zukunft ist nur bedingt voraussehbar.

Unfreiheit durch Angst

Die Sucht des modernen Menschen, in eine unübersehbare Zukunft vorauszuplanen, kann gefährlich sein. Denn sie hindert uns unter Umständen, mit unseren Mitteln das Nahestehende zu tun. Ängste, denen wir uns widerstandslos überlassen, machen unfrei. Wer sich von Sorgen, Befürchtungen und Problemen vereinnahmen lässt, wird unfähig, zu sich selbst, zu seinem Standpunkt und seinen Entscheidungen zu stehen. Er gibt sich selbst auf, wird manipulierbar. Uns Christen sollte der Glaube an eine unverlierbare Zukunft jenen Gleichmut gegenüber den Vorgängen auf dieser Welt geben, der uns erlaubt, den als richtig erkannten Weg zu gehen. Auch wenn er mit Gefahren verbunden ist. Ein Christ kann auch in kritischen Situationen charakterfest bleiben und anderen Orientierungshilfe geben. Er kann seine Freiheit verteidigen: gegen die Tyrannen der Welt, aber auch gegen die Tyrannei der Ängste und alle, die sie – aus welchen Gründen und in welcher Absicht auch immer – erzeugen.

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