Ein Ort in der Kirche den keiner kennt?
Es gibt Orte in unserer Kirche, die jeder kennt: den Altar, den Ambo, das Taufbecken. Und es gibt einen Ort, den fast niemand wahrnimmt –oben in der Apsis, unscheinbar, klein und da meist noch die Hocker dort stehen, sogar etwas versteckt: das Sacrarium.
Es ist lediglich eine kleine Öffnung im Boden, mit einem Deckel verschlossen. Kein Schmuck, keine besondere Kennzeichnung. Und doch erzählt dieses kleine „Loch“ eine grosse Geschichte – eine Geschichte von Ehrfurcht, Theologie und einem tiefen Verständnis von Schöpfung.
Ein Blick in die Geschichte
Das Wort Sacrarium stammt vom lateinischen sacrum – „das Heilige“. Schon in den frühen Jahrhunderten der Kirche war klar: Was Gott geweiht ist, wird nicht wie etwas gewöhnliches entsorgt. Besonders die Eucharistie – für uns Katholikinnen und Katholiken der wirkliche Leib Christi – verlangt grösste Achtsamkeit.
In mittelalterlichen Kirchen baute man deshalb eigene Ausgüsse in Sakristeien oder im Altarraum ein die direkt ins Erdreich führten. So konnten etwa Reste von Weihwasser oder heilige Öle würdevoll der Erde zurückgegeben werden. Auch konsekrierte Hostien, die nicht mehr konsumiert werden konnten, wurden nicht entsorgt, sondern in dieser Weise „der Schöpfung übergeben“, die dem Glauben an ihre Heiligkeit entspricht.
Bis heute gehört das Sacrarium zur liturgischen Architektur vieler Kirchen – auch wenn es kaum jemand bemerkt.
Theologische Bedeutung: Rückgabe an die Schöpfung

Warum dieser Aufwand?
Weil im katholischen Verständnis Materie nicht gleichgültig ist. Wasser, Brot, Wein, Öl – sie sind Träger von Gottes Gnade. In den Sakramenten wirkt Gott durch sichtbare Zeichen. Die Schöpfung selbst wird zum Ort seiner Gegenwart.
Wenn geweihte Elemente nicht mehr verwendet werden können, werden sie deshalb nicht „entsorgt“, sondern achtsam zurückgegeben. Nicht in den gewöhnlichen Abfluss, sondern in die Erde – in jene Erde, aus der alles Leben stammt.
Das Sacrarium ist so gesehen ein Zeichen für eine tiefe Verbindung von Liturgie und Schöpfungstheologie. Alles kommt von Gott – und alles kehrt zu ihm zurück.
Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika Laudato si’ eindringlich daran erinnert, dass die Schöpfung nicht bloss „Umwelt“ ist, sondern gemeinsames Haus, Gabe und Auftrag zugleich. Alles Geschaffene steht in Beziehung – zu Gott, zueinander, zu uns.
Das Sacrarium ist in gewisser Weise ein stilles architektonisches Zeugnis dieser Haltung. Es zeigt: Wir gehen achtsam um mit dem, was Gott gehört. Wir behandeln auch die kleinsten Dinge mit Respekt. Wir wissen uns eingebunden in den Kreislauf der Schöpfung.
Ein verborgenes Zeichen

Das Sacrarium ist kein Ort für grosse Gesten. Es liegt im Verborgenen. Und vielleicht passt das gut. Denn auch vieles im Glauben geschieht leise: ein stilles Gebet, ein sorgsam vorbereiteter Gottesdienst, ein Dienst, den niemand sieht.
Das kleine Loch im Boden erinnert uns daran, dass Ehrfurcht konkret ist. Dass Glaube nicht nur Worte kennt, sondern Haltungen. Und dass selbst unscheinbare Orte von einer tiefen Wahrheit erzählen können: Alles kommt von Gott – und alles ist in seine Schöpfung eingebettet.
Vielleicht schauen Sie beim nächsten Kirchenbesuch einmal bewusst nach oben in die Apsis. Nicht, weil es dort etwas Spektakuläres zu sehen gäbe – sondern weil sich dort ein stilles Zeichen dafür findet, wie sehr uns die Sorge um Gottes Schöpfung auch im Kleinen anvertraut ist.
